Die Bitkom-Umfrage brachte auch ans Licht, dass im Vergleich mit anderen Wirtschaftszweigen die IT- und Telekommunikationsbranche sehr gut durch die Krise gekommen ist.
Das sehen viele Beschäftigte von Hewlett Packard (HP), Dell, Motorola, Microsoft, Alcatel-Lucent, SAP anders. Ihre Arbeitsplätze sind in den vergangenen Monaten insbesondere durch Outsourcing oder Verlagerung in Billiglohnländer verloren gegangen oder sie sind akut bedroht. »Unsere Kolleginnen und Kollegen sind keineswegs gut durch die Krise gekommen«, sagt beispielsweise Stephan Buchal, Mitglied im Gesamtbetriebsrat bei EDS/HP in Rüsselsheim. »Jede/r Vierte verlor bei EDS im letzten Jahr den Arbeitsplatz. Das Unternehmen nutzte die Situation, um drastisch Kosten einzusparen und Arbeitsplätze auszugliedern.«
Ähnlich reagierten Infineon, T-Systems, IBM und Siemens – ganz aktuell mit der Ausgliederung von IT Solution and Services (SIS) (siehe Seite 4) – auf die Krise. Selbst völlig krisenfreie Unternehmen – wie Vodafone – stellen langjährige Standards bei den Arbeitsbedingungen in Frage.
Kein Wunder, dass immer mehr junge Leute die Branche kalt lässt. Heute rangieren IT-Firmen wie HP und Dell unter akademischen Berufsanfängern beim Arbeitgeber-Ranking der Zeitschrift »Wirtschaftswoche« auf den hinteren Plätzen (bei jungen Ingenieuren beispielsweise auf Platz 98 beziehungsweise 81 von 100 Plätzen). Nach einer Umfrage des Marktforschungsunternehmens Forsa unter Schülern und Studenten gaben nur elf Prozent der jungen Männer und nur ein Prozent der jungen Frauen an, dass sie später im Bereich IT oder Elektronik arbeiten wollen. Das mangelnde Interesse macht sich auch bei der Zahl der Studierenden im Fach Informatik bemerkbar, die seit 2000 um ein Viertel eingebrochen ist.
Erst recht entscheiden sich zu wenig junge Frauen für ein Informatikstudium. So lag der Anteil weiblicher Studienanfänger im Studienfach Informatik seit 2003 noch durchweg um die 17 Prozent, sank aber 2008 auf 14,6 Prozent. Und auch bei den Ausbildungsplätzen in IT-Berufen ist ein deutlicher Rückgang zu beobachten. Der Anteil an weiblichen Azubis in diesen Berufen verringerte sich nach einer aktuellen Statistik des Bundesinstituts für Berufsbildung 2009 um 13 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Mit gut acht Prozent erreichte er sogar den tiefsten Stand seit Jahren.
Die Nachwuchsprobleme der Branche sind weitgehend selbstgemacht. Eine Kehrtwende ist dringend nötig. ITK-Unternehmen müssen ihren Beschäftigten verlässliche Zukunftsperspektiven bieten. Dazu zählt, dass sie künftig verstärkt in die Aus- und Weiterbildung investieren. Nur dann lassen sich junge Leute für die Branche zurückgewinnen und kann diese auch für Frauen attraktiver werden.